Ganz Australien verachtet seine Cricket-Mannschaft


 
 
 

Ein Manipulation am Cricketball bringt ganz Australien auf. Sogar der Ministerpräsident mischt sich ein. Die Spieler werden lange gesperrt.

Cricket ist ein Sport für Gentlemen. So jedenfalls lautet die allgemein gängige Theorie. In Australien, immerhin Cricket-Weltmacht, sind sich die Fans in dieser Hinsicht aber nicht mehr ganz so sicher. Grund ist ein Manipulationsversuch dreier Nationalspieler in einem Testmatch am vergangenen Sonntag in Südafrika. Schlagmann Cameron Bancroft hatte vor laufenden Fernsehkameras versucht, seinen Ball mit einem Klebeband zu präparieren, um so dessen Flugeigenschaften zu verändern. Das Beweisstück ließ er anschließend in seiner Hose verschwinden – doch da war es schon zu spät. Seither steht ganz Australien unter Schock, selbst Premierminister Malcolm Turnbull meldete sich zu Wort: „Es war bislang unvorstellbar, dass das australische Cricketteam in einen Betrugsfall verwickelt sein könnte.“

Hinter der Aktion von Bancroft standen Teamkapitän Steve Smith und sein Vize David Warner. Das Trio wurde umgehend gesperrt und darf zwölf Monate lang nicht mehr für das Nationalteam antreten. Kapitän Smith sagte nach seiner Rückkehr in die Heimat mit Tränen in den Augen: „Ich weiß, ich werde das für den Rest meines Lebens bereuen.“ Die ganze Dimension des Vorfalls ist für Cricket-Laien kaum nachzuvollziehen, sie wirkt auf den ersten Blick sogar amüsant.

Wer sich andererseits allerdings vorstellt, was passieren würde, wenn ein deutscher Fußballnationalspieler die Regeln der Fairness missachtet, kann vielleicht doch verstehen, warum die ganze Cricketwelt im Moment Kopf steht. Wie groß wäre wohl die Erregung, wenn vor einem Freistoß bei einem Länderspiel ein nicht zugelassener Ball ins Spiel geschmuggelt werden würde? Wenn also Schütze Toni Kroos dadurch eine größere Chance hätte, ein Tor zu erzielen? Und wenn das Ganze dann noch mit dem Segen von Manuel Neuer oder Thomas Müller geschieht und sich eine enttäuschte Bundeskanzlerin Angela Merkel daraufhin ein Kabinenverbot für die kommende WM erteilt?

Fairness geht ihnen über alles

Dennoch würden die deutschen Fußballfans wohl darauf hoffen, dass die Sanktionen überschaubar bleiben, das man den Übeltätern vergibt und die Sache nicht noch zusätzlich aufbauscht. Genau das passiert aber gerade in Australien. Denn Ballmanipulationen sind im Cricket zwar verboten, es hat sie aber immer wieder gegeben. In der Regel wurden die überführten Sünder für ein paar mehr Spiele gesperrt und durften danach wieder mitwirken. Aber zwölf Monate? Eigentlich undenkbar. Und auch deshalb wundert sich die Welt darüber, was da gerade in Down Under passiert. Übertreiben es die Australier nicht ein bisschen mit ihrer Selbstzerfleischung?

Dazu muss man wissen, wie verwurzelt der Cricketsport auf dem fünften Kontinent ist. Es gab bereits eine australische Nationalmannschaft bevor der Staat als solcher überhaupt gegründet wurde. Wer selbst schon einmal während der traditionsreichen Ashes-Series gegen England in Australien war, wird sich vielleicht darüber gewundert haben, warum Taxifahrer zwar das Radio anstellen, dort aber keine Musik läuft, sondern ein Sportreporter aufgeregt etwas kommentiert, das beim Zuhörer nur Schulterzucken hervorruft.

Fairness geht den Australiern im Sport über alles. Sie wollen stolz sein auf ihre Crickethelden, was den Fans in der jüngeren Vergangenheit zunehmend schwerer fiel angesichts so mancher kleinerer Dramen rund um das Team. Nun ist es zum großen Knall gekommen und die Suspendierung des Spielertrios muss noch nicht das Ende gewesen sein. Nationaltrainer Darren Lehmann hat bislang beteuert, nichts vom Betrug gewusst zu haben und ist noch im Amt. Das muss allerdings nicht so bleiben. Und ob Bancroft, Smith und Warner irgendwann in die Auswahl zurückkehren dürfen, darüber wird ein ganzes Land in den kommenden zwölf Monaten ausgiebig diskutieren. Schließlich ist Cricket ein Sport für Gentemen – erst recht in Australien.