Mit dem Indian Pacific einmal 4000 Kilometer durch Australien

Exakt 4352 Kilometer von Sydney bis Perth: Der Indian Pacific fährt in drei Tagen vom einen Ende des australischen Kontinents zum anderen. Selbst viele Australier träumen von einer Reise mit diesem Zug.

Der Anzeiger auf dem Bahnsteig verrät nur die halbe Wahrheit: Abfahrt um 14.50 Uhr nach Adelaide steht auf der elektronischen Tafel. Das stimmt zwar, eigentlich aber wieder nicht, denn wer in den silberglänzenden Indian Pacific an diesem Bahnsteig steigt, will nicht nach Adelaide fahren. Der will das Nichts sehen: die Wüste, die Weite, den Himmel.

Der Indian Pacific ist in Europa nicht so bekannt wie der Orient Express; gleichwohl gehört eine Fahrt mit dem australischen Spezialzug zu den großen Eisenbahnreisen dieser Welt: Auf 4352 Kilometern fährt er von Sydney über Adelaide bis nach Perth und durchquert dabei den gesamten australischen Kontinent von West nach Ost.

Maximales Tempo: 115 Stundenkilometer. Vom Pazifischen Ozean an den Indischen – diese Strecke hat dem Zug seinen Namen gegeben. Auf der Fahrt durch fast menschenleere Regionen erleben die Passagiere eine Freiheit, die es so im dicht besiedelten Westeuropa nicht gibt.

An diesem Mittwochnachmittag ist davon allerdings noch nichts zu spüren. Hier, am Hauptbahnhof von Sydney, verströmen die livrierten Zugbegleiter und Hostessen, die den Passagieren beim Einchecken helfen und ihnen ihre Kabinen zeigen, eher die Kultiviertheit einer Metropole – und ein wenig auch das Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein.

Vier Tage und drei Nächte unterwegs, um an das andere Ende des Kontinents zu kommen: Das klingt nicht nur nach Abenteuer, sondern auch nach einer Zeit vor Erfindung der Flugzeugturbine.

Von Sydney aus steuert der Zug die Blue Mountains an

Zunächst dauert es allerdings ein wenig, bis sich der Pioniergeist einstellt: Die Abfahrt fällt in die nachmittägliche Rushhour, und so muss der Zug immer wieder halten, um voll besetzte Pendlerzüge vorbeizulassen. Aber wer auf dem Weg ist, einen ganzen Kontinent zu durchqueren, den kümmern solche erzwungenen Stopps wenig – zumal der Blick in die vollen Vorortbahnen einem vor Augen führt, wie luxuriös viel Raum die Passagiere des Indian Pacific in ihren Abteilen haben.

Diese rollende Herberge ist clever durchdacht, von den klappbaren Waschbecken bis zur Teeküche in jedem Wagen. Zu viel Gepäck sollte man allerdings nicht mitbringen, denn sonst wird es in der Kabine eng. Großes Gepäck verstauen die Zugbegleiter in einem Gepäckwagen – der bis zur Endstation verschlossen bleibt.

Als der Zug schließlich die letzten Vororte der Millionenmetropole hinter sich lässt, wird es pittoresk: Bald schon geht es bergauf, hinauf in die Blue Mountains, ein von tiefen Tälern durchschnittenes, dicht bewaldetes Sandsteingebirge. Seinen Namen verdankt der Naturpark, der zum Unesco-Weltnaturerbe gehört, den hier wachsenden Eukalyptusbäumen. Die Blätter verdunsten regelmäßig Eukalyptusöl, dessen feiner Nebel das Sonnenlicht bricht und die Wälder blau zu färben scheint.

Regionale Speisen im Lounge-Wagen des Indian Pacific

Höher, immer höher steigt der rund 700 Meter lange Zug, langsam, aber beständig. Zeit für den ersten Besuch im Lounge-Wagen. Was die Lobby für ein Grandhotel, ist für den Indian Pacific dieser Waggon. Hierher kommt, wer Gespräche sucht, Menschen beobachten oder bei einem Gin Tonic die Aussicht aus den hochgezogenen Panoramafenstern genießen will.

Die meisten Reisenden sind als Paare oder in kleinen Gruppen unterwegs, trotzdem entwickeln sich schnell Gespräche zwischen zuvor Fremden – dafür sorgen die aufgeschlossene Art der Australier und das Bewusstsein, die kommenden Tage miteinander zu verbringen. Die Aperitifs vor dem Abendessen tun ein Übriges.

Im Licht der untergehenden Sonne ziehen Weidelandschaften vorbei, während der Restaurantleiter die ersten Gruppen in den Speisewagen führt. Gespeist wird hier in drei Schichten; bereits beim Einchecken wollten die Zugbegleiter wissen, welche Uhrzeit die Passagiere bevorzugen. Das Menü orientiert sich an den Regionen, die der Zug durchquert, und bietet das Beste Australiens – vom Barramundi-Fisch über Käse vom Margaret River bis zu Gerichten der Aborigines-Küche mit Känguru-Steak, Saltbush und wilden Rosellablüten.

Bei der Rückkehr in die Kabine wartet eine Überraschung: Das Bett ist ausgeklappt, gemacht, und weil das Ruhelager ohnehin kaum Platz im Abteil lässt, fällt es leicht, schnell zwischen die schweren weißen Laken zu schlüpfen. Das regelmäßige Rattern, Ruckeln und Schlingern des Zuges wirkt zum Glück beruhigend und einschläfernd.

Von dieser Bahnreise träumen viele in Australien

Die Uhren mussten vor dem Zubettgehen zum ersten Mal auf dieser Reise bereits auf die nächste Zeitzone umgestellt werden. Der Weckruf um fünf Uhr morgens signalisiert, dass der erste planmäßige Halt bevorsteht: In Broken Hill, einer Bergbau-Siedlung 1200 Kilometer westlich von Sydney.

Die Straßen sind hier nach den Mineralien benannt, deretwegen die Menschen einst hierherkamen. Es ist noch dunkel, als die Passagiere aussteigen und vom Bahnhof in der Sulphide Street zu ihren Stadttouren aufbrechen.

Eine halbe Stunde später, beim Blick von der Anhöhe einer Abraumhalde hoch über der Stadt, wird klar, warum nach dem Ende des Bergbaubooms viele Künstler in diese Minenarbeiterkolonie mitten in der Wüste gezogen sind: Die aufgehende Sonne taucht die Häuser in rosafarbenes Licht, und der Indian Pacific, der so lang ist, dass er an beiden Enden aus dem Städtchen hinausragt, liegt wie ein silberner Lindwurm in der Morgenröte.

Einmal mit diesem Zug das Land zu durchqueren: Das gehört zu den großen Reiseträumen vieler Australier. Auch unter ergrauten Weltenbummlern ist die Reise seit Langem populär, aber der Betreiber Great Southern Rail will eine breitere Klientel ansprechen. Dafür wurden die unbequemeren Liegesitz-Wagen abgehängt, die verbliebenen Waggons neu herausgeputzt, die Speisekarte auf Gourmet-Niveau gebracht und zusätzliche Ausflüge abseits der Bahnstrecke ins Programm genommen.

Kamele in der Nullarbor-Wüste

So wie der Abstecher ins Barossa Valley, die bekannteste Weinbauregion Australiens. Hier, im Hinterland von Adelaide, sitzen zwar auch große, bekannte Weinproduzenten wie Jacob’s Creek oder Penfolds, aber die Exkursion führt zu familiäreren Gütern zur Weinprobe und endet mit einem Abendessen in einem Weinkeller. Fruchtbar ist die Gegend, durch die die Zuggäste fahren, kultiviert und lieblich – aber nur noch heute Abend.

Denn am nächsten Morgen ist es da: das große Nichts. Stunde um Stunde zieht die Nullarbor-Wüste vor den Zugfenstern vorbei. Das lateinische nulla arbor bedeutet „kein Baum“ – damit ist eigentlich alles gesagt über diese karge Ebene. Sand, Geröll, staubige Gräser und Büsche – das war’s. Nur gelegentlich steht in der Ferne ein Kamel.

Ein Kamel? In der Tat. Als die Europäer begannen, Australien zu besiedeln, verschifften sie sehr bald Kamele auf den neu entdeckten Kontinent. Die Lastentiere schienen wie gemacht für die langen Distanzen durch die trockenen Wüsten im Landesinneren. Irgendwann kam die Eisenbahn, dann kamen Straßen, Lkw, Flugzeuge – und die Kamele wurden in die Wildnis entlassen, wo sie sich bis heute munter fortpflanzen.

Im Geisterort Cook leben vier Menschen

Mittags hält der Zug in Cook. Diese Station wurde 1917 beim Bau der Eisenbahnstrecke geschaffen, damit die Züge hier frisches Wasser und Treibstoff aufnehmen konnten. Auch das Personal wurde damals hier gewechselt. Einst lebten hier Dutzende Familien; es gab sogar eine Schule und ein Krankenhaus.

Heute ist Cook ein Geisterort. Nur das Zirpen der Grillen begrüßt die Reisenden, die mit wohligem Schaudern zwischen den verlassenen Häusern herumlaufen. Sogar ein kleines Schwimmbad gab es hier; heute ist das Becken bis an den Rand mit Sand gefüllt.

Nur noch vier Menschen leben in Cook, sie müssen bis zum nächsten Supermarkt sieben Stunden mit dem Auto fahren. Eine 100 Kilometer lange Buckelpiste führt zur nächsten größeren Überlandstraße – das ist jener Highway, auf dem die australische Rockband AC/DC unterwegs war, als sie den Song „Highway to Hell“ schrieb.

Von hier aus geht die Reise schnurgerade weiter über das flache Nullarbor-Plateau. Tatsächlich ist dieser 476 Kilometer lange Abschnitt die längste gerade Zugstrecke der Welt. Rundherum: nur Ebene. Die Flachheit der Nullarbor-Wüste ist geradezu legendär. So weit weg ist der Horizont, dass er wie eine Illusion scheint. Nur Wüste, Himmel, Licht und Hitze.

Man muss die Arbeiter bewundern, die die Bahnstrecke ohne moderne Maschinen gebaut haben – und all die Menschen, die versucht haben, sich in dieser Ödnis ein Leben aufzubauen. Fertiggestellt wurde die Route 1917, durchgängig zu befahren ist sie, wegen anfangs unterschiedlicher Spurbreiten, aber erst seit 1970.

Einmal im Jahr ist in Rawlinna die Hölle los

Vom Fensterplatz im klimatisierten rollenden Luxushotel aus betrachtet, entfaltet die karge Landschaft eine eigene Poesie, die von Härte und Entbehrung erzählt, aber auch von Schönheit, Stärke und Überlebenskunst; vom Triumph menschlicher Entschlossenheit, aber auch davon, wie der Mensch in der Natur zur Marginalie wird. Die große Hitze lässt erst mit dem Sonnenuntergang nach.

Zeit für den nächsten Halt – und einen Höhepunkt der Reise. Das laute Klappern aus der Zugküche, die Schaffner, die noch eifriger als sonst durch die Waggons eilen, und Kisten, die sich in den Abteilen vor den Ausstiegen stapeln: All das verrät, dass ein besonders Ereignis bevorstehen muss. Und dann hält der Zug in Rawlinna, einem Weiler weit weg von allem, mitten in der Wüste. Der nächste größere Ort, Kambalda, liegt 340 Kilometer östlich von hier.

Rawlinna besteht nur aus wenigen Häusern und Wohnwagen, aber einige Male im Jahr ist hier die Hölle los. Dann hängt das Blöken von Tausenden Schafen über dem Ort, die hier geschoren und in Güterwaggons abtransportiert werden. Rawlinna ist das Zentrum der größten australischen Schaffarm; rund 60.000 Schafe verteilen sich über die gewaltige Fläche von einer Million Hektar. Die gesamte Insel Zypern hätte Platz auf dem Gelände – und für knapp dreimal Malta wäre auch noch Raum.

Jetzt aber ist es ruhig an dem Bahnhof, als die ersten Zugbegleiter aus den Türen springen. Während die Reisenden im Zug ihren Aperitif trinken, bringen die Angestellten kistenweise Geschirr, Besteck, Brotkörbe und Lebensmittel nach draußen und decken die Reihen der Tische, die dort im Freien stehen.

Am Himmel leuchten Millionen Sterne

Als die Passagiere über herangeschobene Treppen aus dem Zug steigen, ertönen Ahs und Ohs: Inzwischen ist es dunkel geworden in Rawlinna; Standkerzen und Windlichter weisen den Gästen den Weg zu den großen gedeckten Tischen, auf Grills braten die Köche Lamm, Känguru und anderes Fleisch.

Und über dieser heimeligen Szenerie spannt sich ein gewaltiger Sternenhimmel: Nur einige Schritte vom Bahnhof entfernt ist es dunkel in der Wüste – wer hier nach oben schaut, blickt in ein gewaltiges Firmament. Tausende, ach was, Millionen von Sternen strahlen herab, und die Milchstraße, die man in Europa praktisch gar nicht sehen kann, zieht sich wie ein weißes Band über den Himmel.

Nach dem Essen betritt Andrew Wishart die kleine Bühne vor dem Zug. Der Musiker ist in Australien eine kleine Bekanntheit, seit er es 2011 entgegen allen Prognosen ins Finale der Castingshow „X-Faktor“ geschafft hat. Jetzt stimmt er auf seiner Gitarre John Denver an. „Take me home, country road“; das funktioniert auch hier, wo man sehr lange fahren muss, um irgendwo hinzukommen.

Viele der Passagiere, die den Refrain mitsingen, werden daran denken, dass die Reise am nächsten Tag im Bahnhof von Perth endet – und sich wünschen, dass es mit der Rückkehr nach Hause doch noch ein wenig länger dauern mag. Denn wo sonst ist das Leben ein langer, ruhiger Zug?

Tipps und Informationen

Die Strecke: Der Indian Pacific startet einmal in der Woche von Sydney Richtung Perth via Adelaide und von Perth aus in die entgegengesetzte Richtung. Auch in Adelaide kann man in jede der beiden Richtungen zusteigen. Entlang der Strecke werden an verschiedenen Stationen Ausflüge angeboten – wohin es geht, hängt von der Fahrtrichtung ab. Auf der Strecke Sydney–Perth hält der Zug in der Minen- und Künstlerstadt Broken Hill, in der Weinbauregion um Adelaide, im Geisterstädtchen Cook und an der Schaffarm Rawlinna. Auf der Strecke von Perth nach Sydney hält man in der Goldgräberstadt Kalgoorlie, in Adelaide und ebenfalls in Broken Hill.

Der Zug: Es gibt zwei Klassen: die edle Platinum Class und die etwas einfachere, aber immer noch komfortable Gold Class. In der Goldklasse können Passagiere zwischen Einzel- und Doppelkabinen wählen. In der Platin-Klasse sind in der Regel nur wenige Menschen unterwegs, mehr Möglichkeiten für Gespräch und Kontakte zu anderen Passagieren gibt es in der Gold Class. Die Kabinen in der Platinum Class sind geräumig, für eine Fahrt in der Gold Class sollten Passagiere nur wenig Gepäck mitnehmen. Großes Gepäck wird im Gepäckwagen transportiert und ist nur im Notfall zugänglich. Im Zug gibt es kein Internet und entlang der Strecke nur begrenzt Telefonempfang.

Die Reisemöglichkeiten: Lernidee Erlebnisreisen hat Fahrten mit dem Indian Pacific im Programm, die als Reisebaustein gebucht werden können (10 Tage ab 3620 Euro pro Person, davon drei Nächte im Gold-Class-Zweierabteil, sechs Nächte im Hotel, inklusive Mahlzeiten und Ausflügen). Buchbar ist auch eine 20-tägige Zug-Flug-Reise durch Australien mit dem Indian Pacific von Perth nach Sydney sowie mit The Ghan von Alice Springs nach Darwin, ab 9980 Euro pro Person (lernidee.de). Der Indian Pacific kann auch direkt gebucht werden bei Great Southern Rail (greatsouthernrail.com.au).