Zerstörte Existenzen, Inkompetenz, Finanzberater, die nicht im Interesse der Kunden handeln: Ermittler decken skandalöse Verfehlungen auf.

Die australische Finanzindustrie sieht sich mit der größten Krise ihrer Geschichte konfrontiert. Eine staatliche Untersuchungskommission bringt jeden Tag neue Beispiele von gravierenden Verfehlungen ans Licht. So hätten Finanzberater der größten australischen Bank über ein Jahrzehnt jährlich 1000 australische Dollar (rund 630 Euro) Gebühren einkassiert, ohne dafür Leistungen zu erbringen. Unter den geschädigten Kunden hätten sich selbst Verstorbene und deren Nachlass befunden. Die Praxis sei bei Commonwealth Bank (CBA) weit verbreitet gewesen.

Mit einem kombinierten Marktanteil von rund 80 Prozent kontrollieren die Großbanken CBA, National Australia, Westpac und ANZ die australische Finanzindustrie. Die sogenannten „Big Four“ zählen zu den rentabelsten Banken der Welt. CBA verbuchte im letzten Jahr einen gegenüber dem Vorjahr 4,6 Prozent höheren Gewinn von 9,8 Milliarden australischen Dollar. Westpac machte 8,1 Milliarden, ANZ 6,4 Milliarden und National Australia Bank 6,6 Milliarden australische Dollar.

Die Einvernahme führender Bankmanager vor laufender Kamera in den ersten Tagen der Untersuchung schockierte die Nation. Neben der Rechnungstellung von Gebühren an Verstorbene kamen Fälle von versuchter Bestechung, gefälschten Dokumenten und der fahrlässigen Vergabe von Hypotheken an kreditunwürdige Klienten zu Tage. Die Vermögensverwaltungsgesellschaft AMP gab zu, gegenüber der Finanzaufsichtsbehörde gelogen zu haben.

Die „vertikale Integration“ von traditionellem Bankengeschäft und Finanzberatung, ein für die Unternehmen besonders lukratives Geschäft, scheint mit besonderen Problemen behaftet zu sein, sagen Beobachter. Die Kommission stellte fest, dass Finanzberater in 75 Prozent der untersuchten Fälle nicht im Interesse der Kunden gehandelt hätten. Es bestehe ein „inhärenter Interessenskonflikt“ zwischen der Aufgabe des Beraters, dem Kunden eine neutrale Empfehlung zu geben und gleichzeitig ein Produkt zu verkaufen.

Es wurden mehrere Fälle bekannt, wo Kunden wegen Verletzungen des Grundsatzes der verantwortungsvollen Kreditvergabe durch ihren Berater ihre gesamte Vorsorge verloren hatten. Eine betagte und berufstätige Zeugin meinte unter Tränen, sie könne es sich erst leisten, in Rente zu gehen, „wenn ich im Rollstuhl sitze“.

Auch unzählige Fälle von unlauterem, vorsätzlichem oder schlicht inkompetentem Verhalten durch Angestellte wurden bekannt: Urkundenfälschungen, administrative Fehler, Unterlassungen. Seit 2010 bezahlten die Banken fast 250 Millionen australische Dollar an insgesamt 540 000 geschädigte Hypothekenkunden. Weitere 220 Millionen Dollar Entschädigung gingen an Automobilkredit-, Versicherungs- und Kreditkartenkunden.

Der australische Schatzkanzler Scott Morrison bezeichnete die Verfehlungen als „verachtenswert“. Er stellte die Möglichkeit in Aussicht, schuldige Verantwortliche mit Gefängnis zu bestrafen. Ob es je soweit kommen wird, ist fraglich. Morrison und die konservative Regierung hatten jahrelang behauptet, eine Untersuchung möglicher Verfehlungen im Bankensektor sei „unnötig“ und eine „Hexenjagd“ durch progressive Elemente in der australischen Politik. Dabei leidet der Sektor regelmäßig unter Skandalen.

Im vergangenen Jahr zog die Aufsichtsbehörde Austrac den Marktführer CBA vor Gericht. Der Vorwurf: die Großbank habe in 53700 Fällen Gesetze gegen Geldwäscherei und Terrorismus-Finanzierung verletzt, in dem sie Kunden erlaubt habe, insgesamt 77 Millionen australische Dollar unbekannter Herkunft in ihren Bankautomaten zu deponieren. Experten zweifeln, dass CBA deswegen ernsthaft zur Rechenschaft gezogen wird. Dazu seien die vier Banken „schlicht zu groß und einflussreich“, so ein Kommentator.

Nicht nur reguliert sich der Bankensektor in weiten Bereichen selbst, die Finanzaufsichtsbehörde APRA gilt unter Beobachtern als zahnlos, wenn es um die Disziplinierung von Verfehlungen geht. Kritiker klagen seit Jahren, der Industrie fehle es an Konkurrenz. Die „Big Four“ hatten im Verlauf der letzten Jahre ihre einheimischen Mitbewerber praktisch komplett geschluckt.

Die meisten kleineren Banken, unter ihnen Bank of Melbourne, St. George, Colonial First State und Vermögensverwaltungsunternehmen wie BT Financial Group gehören direkt oder indirekt einer der Großbanken. Viele ausländische Banken sind in Australien präsent, nur wenige aber sind im Einzelhandelsgeschäft aktiv.