Eine junge Familie ist zum ersten Mal mit dem Wohnmobil unterwegs. Und dann gleich 1500 Kilometer durch Australien. Ob das klappt?

Brisbane. Ich gebe das gleich zu, damit das hier nicht zu Missverständnissen führt: Ich kann nicht campen. Bin dafür nicht geschaffen. Dabei habe ich es als Jugendliche versucht. Zwei Wochen Zelten in Frankreich mit den besten Freundinnen. Tagsüber am Atlantik sonnen und abends am Lagerfeuer mit irgendeinem Pierre knutschen, das war der Plan.

Die Realität sah so aus, dass wir kreidebleich zurückkehrten, weil es ständig regnete und sich unsere aufgeweichten Klamotten in den Reisetaschen verfärbten. Jedenfalls gab es Pierres. Aber seitdem weiß ich feste Dächer und stabile Untergründe zu schätzen.

Gut, Schwamm beziehungsweise Plane drüber. Das ist lange her, dachte ich, warum also nicht mit dem Wohnmobil die Ostküste Australiens bereisen? Das macht man da so, meinte der Typ im Reisebüro. Niemand ginge in Hotels, in Down Under seien alle ständig on the Road. Wegen des großen Freiheitsgefühls und weil diese Art der Fortbewegung der Weite des Landes entspräche. Also gut, wer will schon einer verwöhnten Hotel-Minderheit angehören.

Zwar überlegte ich noch kurz, ob 1500 Kilometer in drei Wochen für unsere beiden Kinder zu anstrengend sein könnten, aber in dem Moment kam mein Sohn stolz mit seiner neuen Kopflampe um die Ecke: „Das wird super, damit kann ich im Wohnmobil lesen, Mama!“ Mein Sohn ist 4. Er kann noch nicht lesen. Doch er beherrscht die Fächer Begeisterung und positives Denken wie kein anderer. Hat er von seinem Vater gelernt, der – und das scheint kaum möglich – über noch weniger Camping-Expertise als ich verfügte. Null. Zero. „Ich war beim Bund und besitze ein Schweizer Taschenmesser“, sagte er.

Der erste Schreck schon vor dem Start: Kaution beträgt 7500 Dollar

Wir starteten in Brisbane. Mit viel zu viel Gepäck (1. Lektion: Nimm nur das mit, was du allein tragen kannst, und wenn du schon ein Baby auf dem Arm hast, bedenke diese einschränkende Handlungsfreiheit bei der Kofferauswahl!) schleppten wir uns vom Flughafen zum Camper-Verleih. Ein „Vier-Bett-Euro-Star-Motorhome“ hatten wir von Deutschland aus gebucht, ich fand, das klang nach Jetset, purem Luxus und einer uns bekannten Währung. Immer wichtig, ein Stück Heimat ins Ausland zu schleppen.

Die Mitarbeiterin hinter dem Verleih-Tresen jedoch sagte: „7500 Dollar!“ Wir verstanden nicht, hatten wir doch bereits 2300 Euro Mietgebühr im Voraus bezahlt. Die Verleih-Frau setzte müde zu einem Vortrag an, den sie in der Form wohl schon einige Male gehalten hatte. Bei den 7500 Dollar handele es sich um die Selbstbeteiligungskosten im Falle eines Unfalls, die, anders als wir vermutet hatten, nicht nur als Sicherheit mit der Kreditkarte hinterlegt, sondern direkt abgebucht wurden und erst 21 Tage nach Rückgabe eines unversehrten Fahrzeuges wieder auf dem Konto landeten. Selbstverständlich abzüglich einer Bearbeitungsgebühr von 75 Dollar. Wow! Noch keinen Kilometer gefahren und schon pleite!

Ein Mechaniker warf uns verstaubte Kindersitze vor die Füße

Zum Glück hatte ich Milchpulver und Babybrei für unsere Tochter im Gepäck, so würde zumindest sie die nächsten Wochen etwas zu essen bekommen. „Wovon sollen wir leben?“, murmelte ich, und mein Mann, der im Urlaub wenig Lust auf grundsätzliche Fragen hatte, sagte: „Hippie-Style.“ Dabei weiß jeder, dass Luft und Liebe machtlos gegen knurrende Mägen sind. Egal. Diesem Problem würden wir uns später widmen müssen, vor uns stand ein 7,5 Meter langes „Motorhome“, und das wollten wir heute noch bis nach Noosa, den schönsten Ort an der Sunshine Coast, bewegen.

Ein Mechaniker, der uns zwei verstaubte Kindersitze vor die Füße warf („You have to pay extra!“), sagte beruhigend: „Noosa is just down the street.“ Merke: Australier mit ihrem Riesenkontinent bewerten Strecken anders als wir in unserem im Vergleich Mini-Deutschland. „Nur die Straße runter“ hieß in diesem Fall 140 Kilometer.

Auf der A7 in unserem normalen Auto kein Ding, aber in einem Monster-Truck mit Rechtssteuerung im Linksverkehr hatten wir leichte Startschwierigkeiten. Simple Straßeninfos wie „Left Lane ends“ führten zu Panik, denn mit einem tonnenschweren Gefährt biegt es sich behäbig ab; Unterführungen wurden schnell zu meinen persönlichen Feinden. Aufgrund unserer Höhe von 3,50 Metern stellten sie nämlich potenzielle „Scalp-hunter“ dar.

Auf dem Zeltplatz suchten wir verzweifelt den Stromanschluss

Die ersten Kilometer rief ich „Vorsicht!“ in Dauerschleife, bis mein Mann mir das Steuer überließ. Was soll ich sagen? Plötzlich fühlte ich mich wie ein Teenie. Die Überforderung beim Wohnmobil-Steuern versetzte mich zurück in das Jahr 1994, als man sich als Fahranfänger noch konzentrieren musste.

Derart verjüngt erreichten wir unser erstes Ziel – und sahen gleich wieder alt aus. Wir waren umzingelt von Profis, die Vorzelte, Gaskocher, Chlortabletten sowie eine Armee von Adaptern und Anschlüssen mit sich führten und ihre mobilen Zuhauses mit Kosenamen beschriftet hatten: Majestic, Olympic, Territory, Starcraft, Spaceship, Conquest, Champion.

Die Routiniers zogen mit einer Hand locker den Fäkalientank hinter sich her, mit der anderen grüßten sie sich untereinander, während wir verzweifelt den Stromanschluss suchten. Die eingeschweißten Camper verfügten nicht nur über ein Fahrzeug, nein, neben ihrem Wohnmobil führten sie noch ein Boot und ein Auto mit sich. Es hatte den Anschein, als wären wir mitten in eine gigantische Toyota-Land-Cruiser-Werbung geraten.

Unsere Nachbarn erzählten, dass sie seit vier Jahrzehnten jedes Jahr sieben Wochen mit dem Camper unterwegs seien, und zeigten unserem Sohn die weltweit größte Angelausrüstung östlich der Elbe. Wir stellten innerhalb des ersten Tages gleich mehrere Klassiker der Slapstick-Geschichte nach: Den Schlauch der Außendusche auf mein Gesicht gerichtet, rief ich: „Da kommt nix raus!“, und wurde umgehend eines Besseren belehrt.

Schuhe sollten nie draußen bleiben, sonst krabbelt die Huntsmanspinne hinein

Mein Mann löste mit dem Toaster einen Feueralarm aus. Wir versuchten, die Fenster zu öffnen, und hatten die Fliegengitter in der Hand. Die Schlüsselfernbedienung funktionierte nicht, fortan mussten wir über die hintere Tür ins Führerhaus krabbeln. Auch der Außengrill war kaputt. Naiv, wie wir waren, wählten wir die Service-Nummer des Wohnmobil-Verleihers. Wohlwissend nahm nie jemand ab.

Unsere Tochter rettete unseren Ruf, indem sie während der ersten Nacht auf dem Campingplatz durchschrie. Niemand in einem Umkreis von einem Kilometer konnte schlafen, sodass unsere Profi-Nachbarn unsere Stümperhaftigkeit fortan zum Glück auf Übermüdung schoben, anstatt auf Unerfahrenheit und absolute Dämlichkeit. Sie schenkten uns einen Stuhl und gute Ratschläge, von denen ich hier nur die beiden absolut lebensnotwendigen wiedergebe: „Zieht euch Schuhe an.“

Schien bei 30 Grad zunächst unnötig, doch außer uns hatte jeder die massenhaft aufgestellten Schilder „Warning: Venemous Snakes“ ernst genommen. Ha! Und ich hatte Angst vor Unterkühlungen, dabei lauerte der Tod direkt neben mir im Gebüsch. Oder in unseren Schuhen. Der zweite Tipp lautete: „Die Schuhe nie draußen liegen lassen.“ Sonst krabbelt die Huntsman-Spinne hinein, die sich gern an dunklen Orten aufhält.

Also auch Achtung, wenn man den Blendschutz des Wohnmobils runterklappt. Jeder Australier erzählt Fremden gern, wie der Freund eines Freundes einen Unfall baute, weil ihm diese haarige Spinne in den Schoß fiel.

Belehrt in heimischer Insektenkunde wollten wir uns nun aber endlich auf unsere Ziele konzentrieren. Wir waren zum Erleben eines Landes hier und nicht zum Erleben der eigenen Stümperhaftigkeit. Und in der Tat führte uns dieses anstrengende Wohnmobil zu den schönsten Orten der Welt: In Noosa feuerten wir surfende Hunde an, von Elliot Island aus tauchten wir zu Korallen und Riesenschildkröten, auf Fraser Island fühlten wir uns wie in „Jurassic Park“.

Irgendjemand hilft immer – oder zeigt Fotos seiner Kinder

In Brisbane kletterten wir über Riesenbuchstaben, in „Dreamworld“ lernten wir Schafe zu scheren, in Byron Bay aßen wir tonnenweise Super-Food, in Coffs Harbour knipsten wir uns mit Riesenbananen, in den Blue Mountains fuhren wir mit einem Seilband über die coolste Schlucht der Welt, im Hunter Valley tranken wir einen köstlichen Wein nach dem anderen, in Sydney stieg mein Mann über die Harbour Bridge, in Manly überwand ich meine Hai-Phobie, und bei all dem hüpften Kängurus um uns herum.

Wir fühlten uns wie die Darsteller eines Abenteuerfilms. Ein Low-Budget-Film zwar, aber viele schöne Dinge kosteten gar nichts. In Brisbane führten uns die „Brisbane Greeters“ durch die Stadt, in Sydney geht man einfach um 10.30 Uhr zur St.-Andrews-Kathedrale und folgt den Guides in den grünen T-Shirts. Ganz umsonst bekamen wir außerdem permanent Hilfe angeboten. Ich bin davon überzeugt, dass es einen geheimen Nettigkeitswettbewerb zwischen den Australiern gibt, bei dem sich alle gegenseitig übertrumpfen wollen, obwohl es noch nicht mal einen Koala zu gewinnen gibt. Nur Karma.

Egal, wo wir mal wieder planlos rumstanden, irgendjemand kam an und zeigte uns ungefragt den Weg. Oder den nächsten Supermarkt, die beste Badestelle oder Fotos seiner Kinder. Ein Außenfach unseres Wohnmobils, das wochenlang ein verschlossenes Rätsel gewesen war, konnte erst geöffnet werden durch die Fingerfertigkeit eines Mannes, der wahrscheinlich der Nachkomme eines Alcatraz-Ausbrechers gewesen sein muss.

Die Straßen waren schlecht; anstatt zu fahren polterten wir über den Highway

Glück hatten wir auch mit den Campingplätzen in den von uns bereisten Bundesstaaten Queensland und New South Wales. Sie waren immer sauber, und eine erstaunliche Ruhe lag über ihnen. Nur einmal gerieten wir aus Versehen in eine Art Woodstock. Weil ich den australischen Party-Kalender missachtet hatte, wohnten wir zwei Tage lang neben einem Festival, bei dem die DJs gegen die einsetzenden Gewitter anschreien mussten.

Die Waschräume unseres Campingplatzes waren so schlammverdreckt, dass mein Sohn von seinem Vater ein neues Wort lernte: „Etepetete“. Dabei wollte ich nur nicht zwischen Halbstarken, die eine Wodkaflasche herumreichten („Wanna try?“), im Matsch stehend meine Zähne putzen. Unisex auf Campingplätzen halte ich übrigens generell für keine gute Idee. Nach einiger Diskussion durfte ich ausnahmsweise unsere bordeigene Toilette, die bislang als Koffer-Lager genutzt wurde, aufsuchen.

Womit wir beim Beckenbodentraining sind, das ein Wohnmobil-Urlaub mit sich bringt. Die Straßen waren teilweise extrem schlecht; anstatt zu fahren, holperten und polterten wir über den Highway. War ich zunächst zu faul gewesen, das Geschirr vor jeder Abfahrt zu verpacken, stopfte ich irgendwann jeden Teller in ein T-Shirt. Ich wollte wirklich gern verstehen, was mein Mann zu mir sagte. Zumindest akustisch. Und ein klapperndes Teeservice kann einem den letzten Nerv rauben.

Dafür ist es fast unmöglich, sich an der australischen Ostküste zu verfahren. Im Grunde handelt es sich um eine Straße, die M1, von der alle Sehenswürdigkeiten abgehen. Nur nach Fraser Island konnten wir unser Wohnmobil nicht mitnehmen. Wir stellten es am Hafen in Hervey Bay ab und fuhren mit der Fähre in das Unesco-Weltnaturerbe. So ein Pech auch, dass wir, unserer Unterkunft beraubt, im Kingfischer Bay Resort unterkommen mussten. Ich weiß nicht, ob ich mich jemals über ein Hotel so gefreut habe.

Als ich nach drei Tagen jedoch wieder über die hintere Tür zurück in unser Wohnmobil kletterte, rutschte mir ein „Willkommen zu Hause“ heraus. Denn eines war diese Reise ganz sicher: großartig.

Tipps & Informationen

Anreise Von Berlin aus mit zwei Stopps z. B. mit KLM oder Etihad bis nach Brisbane oder Sydney.

Touren z. B. auf die zauberhafte Lady Elliot Island (www.ladyelliot.com.au, www.seairpacific.com.au); nach Fraser Island mit seiner spektakulären Natur (www.kingfisherbay.com, www.fraserexplorertours.com.au); zum Frühstück mit den Kängurus in den Blue Mountains (www.treadlightly.com.au), durch das Hunter Valley (www.allhunterwinetours.4t.com; www.visitnsw.com)